Gerade im Bereich der Erziehungswissenschaft, der Soziologie, der Psychologie und an Marktforschungsinstituten sind sie weit verbreitet: qualitative Methoden der Sozialforschung. Die Auswertung erfolgte bislang entweder händisch oder unter Zuhilfenahme generalisierter Software. Ein von Prof. Dr. Burkhard Schäffer an der Universität der Bundeswehr München gegründetes Startup hat dieses Vorgehen optimiert. Mit der Software DokuMet QDA lassen sich Interviews, Gruppendiskussionen, Bilder, ethnografische Beobachtungen und Dokumente qualitativ-rekonstruktiv analysieren. Der Gründer hat in die Software ein sequenzielles, sinnrekonstruktives Vorgehen implementiert, bei dem das Material nicht codiert, sondern in seiner Eigenlogik erschlossen wird.

The Why

Zunächst stellt sich die Frage, was einen Menschen dazu bewegt, ein Gründer zu werden. Schäffer sah zunächst die Notwendigkeit, „die mit ‚Bordmitteln‘ entwickelte Software nachhaltig weiterzuentwickeln.“ Als open source Projekt gäbe es dafür zu wenig Entwickler*innen, so dass sie „ohne Mittelzufluss mittelfristig auf dem digitalen Datenfriedhof gelandet wäre: als ein Programm ohne Updates, das auf den neuesten Betriebssystemen nicht mehr läuft, nicht mehr weiterentwickelt und aktualisiert wird.“ Eine langfristige Entwicklung sei nur gewährleistet, wenn man Mittel generiere, die mittel- und langfristig das Projekt tragen und das sei am besten über eine Firma möglich. Aber noch etwas anderes faszinierte den Professor: „Es ist etwas völlig anderes, als das was ich bislang gemacht habe, also zu lehren, Forschungsprojekte durchzuführen, Zeitschriftenartikel oder Bücher zu veröffentlichen. Nicht dass mir das keinen Spaß mehr macht, im Gegenteil, ich versuche das mit der Gründung zu kombinieren, setze die Software bspw. schon länger in der Lehre ein.“ Jedoch sei die Rückmeldung bei einem Projekt wie DokuMet QDA wesentlich direkter: Entweder Nutzer*innen kauften die Software oder sie kauften nicht. Schäffer subsumiert: „An diesem Markt zu bestehen ist insofern etwas völlig anderes, als bspw. einen Artikel zu veröffentlichen, von dem man nicht weiß, ob oder wie oft der überhaupt gelesen wurde. Das ist eine völlig neue Erfahrung und das macht mir wirklich großen Spaß!“

The How

Die Dokumentarische Methode

Die von DokuMet QDA verwendete Dokumentarische Methode wurde ursprünglich von Prof. Ralf Bohnsack am Arbeitsbereich qualitative Bildungsforschung der FU Berlin entwickelt und wird derzeit an über 40 Lehrstühlen im In- und Ausland gelehrt. Auch in Weiterbildungskontexten ist sie stark nachgefragt. In herkömmlichen inhaltsanalytischen Verfahren wurde das empirische Material bisher nach einem vorab vorgegebenen Codierschema mit Stichworten versehen, um dann beispielsweise bei einer Interviewstudie gleich codierte Textstellen aus unterschiedlichen Interviews miteinander zu vergleichen. Dies ist aus Sicht der Dokumentarischen Methode nicht valide, da hiermit eine Dekontextualisierung des Materials einhergeht. Denn in einem Interview oder einer Gruppendiskussion sind den meisten Textstellen andere Sequenzen vorgelagert, die ein adäquates Verständnis der Stelle überhaupt erst möglich machen.

 

Das Ende von Pen and Paper

Die bisherige Auswertung qualitativer Interviews im Pen and Paper-Verfahren stößt gerade in größeren Projekten schnell an ihre Grenzen. Die Forschenden verlieren den Überblick und sind daher gezwungen, sich auf eine kleinere Auswahl an Fällen zu konzentrieren. Die Entwicklung einer passenden Software war in diesem Kontext der nächste logische Schritt. Mit DokuMet QDA lassen sich unterschiedliche empirische Materialsorten strukturiert auswerten, ohne den Überblick zu verlieren. Das Programm führt den Interpretierenden über systematische und gut erlernbare Verdichtungsschritte bis hin zur Bildung von Typen, Typiken und Typologien. Für Anfänger*innen sind die Auswertungsschritte leichter nachvollziehbar, weshalb die Software auch in der Lehre sozialwissenschaftlicher Methoden eingesetzt werden kann. Die Besonderheit dabei: Sinnzusammenhänge werden typisiert und nicht, wie bei anderen QDA Programmen bruchstückhaft dekontextualisiert (QDA= Qualitative Data Analysis).

 

Systematische Analyse von Sinnstrukturen

Die Software von DokuMet QDA ist so programmiert, dass das Material in seinem sequenziellen Aufbau rekonstruiert und folgende Fragen beantwortet werden können: Wie stellt sich der Kontext einer Aussage dar? Wie baut sich z.B. in einem narrativen Interview ein entsprechender Sinnzusammenhang während des Erzählvorgangs auf, der mit den Sinnbruchstücken, die man mit herkömmlichen QDA-Programmen erzeugt, wenig gemein hat? Die Rekonstruktion solcher Sinnzusammenhänge – in der Sprache der Dokumentarischen Methode: kollektiver Orientierungsmuster – erfolgt vor dem Hintergrund einer systematischen Vergleichshorizontbildung mit Sinnzusammenhängen anderer Fälle. Auf diese Weise kommt der Nutzer über methodisch kontrollierte Verdichtungsschritte zu typisierbaren Ergebnissen, die einerseits in Fällen verankert sind und andererseits im Sinne einer analytischen Abstraktion weit über diese hinausweisen.

Was kann analysiert werden?

Wenn man nun von der Vogelperspektive zur Detailaufnahme übergeht, stellt sich natürlich die Frage, was das Programm konkret leisten kann. Generell ist DokuMet QDA in der Lage, alle Arten qualitativer Erhebungen von auditivem Material zu bearbeiten. Dazu zählen beispielsweise narrative, biografische, halbstandardisierte, Leitfaden- sowie Experteninterviews und alle Arten von Gruppendiskussionen. Wenn sich hier Diskutierende gegenseitig ins Wort fallen, können diese Überlappungen präzise dargestellt werden.  Um dem Nutzer eine bessere Orientierung in den Fällen zu ermöglichen, werden Zeilennummern angezeigt und Absätze gezählt.

Auch Bild- und Fotogrammanalysen lassen sich durchführen. Für Einzelbilder verfügt die Software über ein Raster und ein einfaches Zeichentool, mit dem Bildbereiche eingegrenzt und markiert sowie verschiedene geometrische Figuren eingezeichnet werden können. DokuMet leitet den Nutzer so durch ikonographische, ikonologische und ikonische Schritte bis zur ausführlichen ikonisch-ikonologischen Gesamtinterpretation eines Bildes. Im Vergleich dazu ist der Interpretationsvorgang für Bildserien schlanker gehalten, was dazu dient, den Überblick zu behalten.

Der Bereich der ethnografischen Beobachtung und Videografie ermöglicht es dem Nutzer, detaillierte Beobachtungsprotokolle zu erstellen. Hierbei wird zwischen Beobachtung, Kontext, reflektierender Interpretation und methodischen Notizen unterschieden. Die Videografie ist aktuell noch in der Entwicklungsphase und soll künftig eine präzise Differenzierung zwischen verbalen und nonverbalen Interaktionen im Untersuchungsumfeld bieten.

Auch Dokumente wie beispielsweise Zeitungsartikel, Gerichtsakten oder Reden von Politiker*innen lassen sich analysieren. Sie werden dazu entweder als Fließtext transkribiert oder per copy and paste aus Onlinezugängen übernommen und genauso wie ein Transkript mit Zeilennummern und Absätzen versehen. Bei der Interpretation wird dann ebenfalls in formulierende und reflektierende Interpretation getrennt.

The Where To

The future is calling

Seit den Anfängen im Frühjahr 2016 ist das Team um Prof. Schäffer am Ball geblieben und hat nach einer langen Betatestphase die Version 1.0 an den Start gebracht. Stolz macht den Gründer vor allem, dass er das Versprechen einlösen konnte, „eine Software für die Bedürfnisse qualitativ-rekonstruktiver Forscher*innen gebaut zu haben. Es ist uns nach meinem Dafürhalten gelungen, ein mächtiges Tool zu schaffen, mit dem Sinnzusammenhänge einerseits kontextualisiert erfasst und andererseits typisiert und generalisiert werden können.“

Für die Zukunft wünscht sich der Gründer „möglichst viele Anwender*innen, die durch ihre Kreativität neue Nutzungsmöglichkeiten eruieren und durch ihre Kritik unser Projekt voranbringen. Und natürlich, dass sich das Projekt irgendwann so weit trägt, dass eine dauerhafte Supportinfrastruktur geschaffen werden kann.“ So sollen künftig auch Versionen in anderen Sprachen auf den Markt kommen, um die Reichweite zu erhöhen.

 

DokuMet QDA wird im dtec.bw-Projekt »KISOFT« eingesetzt: Projekt »KISOFT«

 

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Bildquellen: © iStockphoto/Anadmist